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Frau steht mit gesenktem Blick in einer dunklen Küche und stützt sich auf eine Arbeitsfläche

RSD: Der Schmerz, der keine Verhältnismäßigkeit kennt

Über Rejection Sensitive Dysphoria: das neurobiologische Phänomen, das aus kleinen Momenten Katastrophen macht. Und warum das nicht deine Schuld ist.

Stell dir vor, du kochst abends für jemanden, dem du etwas bedeutest. Du bist mit dem Kopf dabei, freust dich. Dann kommt er oder sie in die Küche und sagt, beiläufig, sachlich, ohne jede böse Absicht: „Eigentlich mischt man das Mehl zuerst rein.

Für die meisten Menschen ist das ein Satz. Vielleicht ein hilfreicher. Vielleicht ein leicht überflüssiger. Man hört ihn, nickt, macht weiter.

Aber wenn du Rejection Sensitive Dysphoria kennst, wirklich kennst, von innen, dann weißt du, was dieser Satz stattdessen auslösen kann. Nicht Ärger. Nicht leichte Verstimmung. Sondern einen Einbruch, der sich anfühlt wie ein freier Fall. Die Küche ist noch dieselbe. Der Abend ist trotzdem vorbei. Wer das kennt, weiß, dass es dafür keinen besseren Begriff gibt als den, den die Forschung irgendwann gefunden hat: Rejection Sensitive Dysphoria.

Was RSD wirklich ist und warum wir lange nicht darüber geredet haben

Rejection Sensitive Dysphoria, auf Deutsch ungefähr „Dysphorie bei Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung“, ist ein Begriff, den der Psychiater Dr. William Dodson in den 1990er Jahren geprägt hat. Er beschreibt damit etwas, das er bei ADHS-Betroffenen immer wieder beobachtet hatte: eine extreme, oft blitzartige emotionale Reaktion auf wahrgenommene Ablehnung, Kritik oder das Gefühl, versagt zu haben. Das Wort „Dysphorie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich schwer zu ertragen.

Was lange übersehen wurde, und was Betroffene oft als zutiefst entlastend erleben, wenn sie es hören: Die psychiatrische Forschung hat sich jahrzehntelang fast ausschließlich auf die sichtbaren Symptome von ADHS konzentriert. Was man messen, beobachten, zählen konnte. Unaufmerksamkeit. Hyperaktivität. Das, was im Klassenzimmer auffiel. Die emotionale Innenwelt von Menschen mit ADHS, das dauerhafte Rauschen, die Intensität, das blitzschnelle Fallen, blieb dabei weitgehend unbenannt.

Dabei ist emotionale Dysregulation längst kein Randphänomen mehr in der Forschung. Das European Consensus Statement on Diagnosis and Treatment of Adult ADHD (2018) listet sie ausdrücklich als eines der Kernmerkmale von ADHS im Erwachsenenalter. Auch in der Autismus-Forschung wird RSD zunehmend als massiver Faktor für emotionales Leiden anerkannt. Bei AuDHD, dem gemeinsamen Auftreten beider Konstellationen, verstärken sich die zugrunde liegenden Mechanismen oft gegenseitig auf eine Weise, die den Alltag in etwas verwandeln kann, das sich nach permanentem Navigieren durch ein Minenfeld anfühlt.

Dennoch: RSD ist bis heute keine eigenständige Diagnose im DSM-5. Sie taucht in keiner Überweisung auf, keine Krankenkasse erstattet ihre Behandlung als solche, und viele Psychiaterinnen und Psychiater wissen nicht, was gemeint ist, wenn ihre Patientinnen davon berichten. Das ist ein Problem. Nicht weil Labels per se heilen. Sondern weil Menschen ohne Sprache für das, was mit ihnen passiert, auf eine sehr bestimmte Weise allein gelassen werden. Am Ende nennen sie sich selbst das, was andere ihnen so oft nahegelegt haben: dramatisch, überempfindlich, zu viel.

Wenn das Gehirn keinen Unterschied macht

Der Psychologe Ed Smith von der Columbia University hat etwas Bemerkenswertes gemacht: Er legte Probandinnen und Probanden in einen MRT-Scanner und zeigte ihnen Bilder von Ex-Partnerinnen oder -Partnern, die sie zurückgewiesen hatten. Danach ließ er sie eine extrem heiße Kaffeetasse halten.

Was die Aufnahmen zeigten, war verblüffend: Die neuronalen Zentren, die bei körperlichem Schmerz aktiviert werden, leuchteten in beiden Situationen nahezu identisch auf. Das Gehirn machte, zumindest in diesen Bereichen, kaum einen Unterschied zwischen dem Schmerz einer Verbrennung und dem Schmerz, nicht gewollt zu werden.

Wenn jemand mit RSD sagt, es tut körperlich weh, dann ist das keine Übertreibung und keine Suche nach Aufmerksamkeit, es ist, soweit wir das neurobiologisch beurteilen können, eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was im Körper passiert.

Für viele Menschen verändert dieses Wissen etwas. Nicht alles auf einmal, aber es beginnt, den Blick auf die eigene Geschichte zu verschieben. Man war nicht einfach zu empfindlich. Das Nervensystem hat getan, wozu es in der Lage war, und bekommt dafür noch weitaus weniger gesellschaftliche Legitimation, sich hinzulegen und sich zu erholen, als es bei körperlichem Schmerz selbstverständlich wäre.

Die Geschichte, die ins Nervensystem geschrieben wurde

Um zu verstehen, warum RSD so intensiv wirkt, reicht es nicht, in die Gegenwart zu schauen. Man muss auch verstehen, was vorher war.

Forschende schätzen, dass Kinder mit ADHS bis zum Ende der Grundschulzeit rund 20.000 mehr korrigierende oder negative Botschaften erhalten als neurotypische Gleichaltrige. Die meisten davon sind nicht als Angriffe gemeint. Es ist der kontinuierliche Tropfen, der sich ansammelt: „Sitz still.“ „Du bist schon wieder unaufmerksam.“ „Warum machst du es nie so wie alle anderen?“ Einzeln betrachtet ist keiner dieser Sätze eine Katastrophe. In ihrer Summe formen sie eine innere Überzeugung, die sich tief ins Selbstbild eingräbt: So wie ich bin, bin ich falsch.

Parallel dazu: Kinder mit ADHS haben statistisch deutlich höhere Raten sozialer Isolation. Eine Studie ergab, dass bis zu 70 Prozent der Kinder mit ADHS in der dritten Klasse keinen einzigen Freund hatten. Sie wurden nicht zu Geburtstagen eingeladen, an den Rand gedrängt, nicht immer aus Bosheit, sondern weil sie sich anders verhielten, und das allein reicht in Kindergruppen oft schon aus, um ausgegrenzt zu werden.

Das Nervensystem lernt daraus. Es beginnt, die Umgebung permanent auf Anzeichen von Ablehnung abzuscannen, auf das kleinste Signal, das bedeuten könnte: Du bist wieder dabei, ausgeschlossen zu werden. Dieses Überwachungssystem, in der Neurobiologie als Neurozeption beschrieben, hat damals seine Arbeit getan. Es hat gelernt, auf Signale zu reagieren, die in der Kindheit tatsächlich etwas bedeutet haben. Das Problem ist, dass es diese Einstellung beibehält, auch dann noch, wenn die Situation längst eine andere ist, und so auf einen Punkt am Ende einer Nachricht mit derselben physiologischen Anspannung reagiert wie damals auf das Ausbleiben einer Einladung, weil es nie die Gelegenheit hatte zu lernen, dass diese beiden Dinge nicht dasselbe bedeuten.

Was neurobiologisch passiert, wenn RSD zuschlägt

Was in einem RSD-Moment neurobiologisch passiert, ist wichtig zu verstehen. Nicht weil Wissen allein heilt, aber weil es erklärt, warum rationale Argumente in diesem Moment schlicht nicht funktionieren.

Die Amygdala, das Alarmsystem des Gehirns, registriert einen Trigger und reißt die Kontrolle an sich. Innerhalb von Millisekunden. Der präfrontale Kortex, zuständig für Einordnung, Impulskontrolle und rationale Bewertung, geht dabei buchstäblich offline. In bildgebenden Verfahren ist das sichtbar: stark erhöhte Aktivität in der Amygdala, deutlich reduzierte im präfrontalen Kortex.

Bei ADHS ist die Kommunikation zwischen diesen Regionen ohnehin schwächer. Der präfrontale Kortex braucht länger, um einzugreifen, und wenn er es tut, ist die emotionale Welle oft schon da. Das Bild, das viele Fachleute verwenden: Das limbische System ist das Gaspedal. Der präfrontale Kortex ist die Bremse. Bei ADHS sind die Bremsen nicht ausgefallen. Sie reagieren nur langsamer, und manchmal nicht rechtzeitig.

Wenn also jemand in einem RSD-Moment sagt, stell dich nicht so an oder das ist doch nicht so schlimm, dann ist das nicht böse gemeint. Aber neurobiologisch gesehen ist es ungefähr so hilfreich, wie jemandem mit gebrochenem Bein zu sagen, er solle doch einfach laufen. Das System ist in diesem Moment nicht in der Lage, das zu verarbeiten.

Die vielen Gesichter: Wie RSD sich zeigt

Was das Erkennen von RSD so schwer macht, auch für Betroffene selbst, ist dass sie so unterschiedlich aussehen kann. Man erwartet vielleicht Tränen, Rückzug, jemanden der zusammenbricht. Aber RSD ist ein Gestaltwandler. In der klinischen Praxis unterscheidet Dr. Dodson zwei grundlegende Reaktionspfade: Internalisierung und Externalisierung. Darüber hinaus entwickeln viele Betroffene im Laufe der Zeit chronische Strategien, um dem Schmerz von vornherein auszuweichen. Welches Gesicht erkennst du an dir?

Das schwarze Loch: Wenn der Schmerz nach innen geht

Internalisiert sieht RSD aus wie Depression. Ein sofortiger Einbruch, Stille nach außen, schwarzes Loch nach innen. Betroffene berichten von Taubheit, vom Gefühl, vollständig aus dem Kontakt mit der Welt gefallen zu sein, von einer Scham, die sich anfühlt wie Auflösung. Man ist noch im Raum, aber irgendwie nicht mehr da.

Was von außen wie Beleidigt-Sein wirkt, ist von innen etwas ganz anderes: ein freier Fall, ohne Boden. Der Satz des Partners, die ausgebliebene Antwort auf die E-Mail, der leicht kühle Ton einer Kollegin, all das wird sofort zu einem Beweis, der sich in Jahrzehnten angesammelt hat. Du bist nicht genug. Du wirst wieder fallen gelassen.

In akuten Momenten können sogar suizidale Gedanken auftreten. Das ist wichtig zu benennen, auch wenn es erschreckt, denn es wird oft verschwiegen. Es handelt sich selten um einen Plan. Es ist eher ein verzweifelter Wunsch, diesen einen Zustand nicht länger aushalten zu müssen. Der Schmerz ist so überwältigend, dass das Gehirn nach irgendeinem Ausweg sucht.

Der Vulkan: Wenn der Schmerz nach außen explodiert

Externalisiert sieht RSD aus wie Wut. Und zwar nicht die kontrollierte Wut, die sich eine Meinung bildet und dann spricht. Sondern die blitzartige, reflexhafte Reaktion eines Nervensystems, das gerade signalisiert bekommt: Gefahr. Der Verteidigungsmechanismus bricht durch, bevor der Verstand überhaupt weiß, was passiert.

Von außen wirkt das oft erschreckend und unverhältnismäßig. Partnerinnen und Partner beschreiben es manchmal als Dr. Jekyll und Mr. Hyde: gerade noch war alles in Ordnung, ein Satz später steht eine völlig andere Person im Raum. Beide Seiten fühlen sich danach schlecht. Die eine, weil sie verletzt wurde. Die andere, weil sie wieder „nicht anders konnte“ und genau weiß, wie ungerecht das war, und trotzdem nicht anders konnte.

Was viele nicht wissen: Dr. Dodson schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Menschen, die gerichtlich zu Anti-Aggressions-Trainings verurteilt wurden, an unerkanntem ADHS und unkontrollierter RSD leiden. Das ist kein Randdetail. Das ist ein massives Versagen von Diagnostik und System, das reale Konsequenzen im Leben realer Menschen hat.

Männer neigen gesellschaftlich bedingt häufiger dazu, RSD zu externalisieren. Intensiver emotionaler Schmerz und Tränen gelten in vielen Kontexten noch immer als Schwäche, also verwandelt das Nervensystem den Schmerz in etwas, das „erlaubt“ ist: Aggression.

Der People Pleaser: Wenn man sich selbst unsichtbar macht

Viele Menschen mit RSD entwickeln früh eine andere Strategie. Keine Explosion, kein Zusammenbruch. Stattdessen: meisterhafte Anpassung.

Sie betreten einen Raum und scannen ihn in Sekunden. Was wird hier erwartet? Was wird hier gelobt? Was darf ich auf keinen Fall sein? Und dann präsentieren sie genau die Version von sich, die am wenigsten Reibung erzeugt. Sie stimmen zu, auch wenn sie anderer Meinung sind. Sie lachen über Witze, die sie nicht witzig finden. Sie schlucken Grenzverletzungen, weil das Aussprechen riskanter erscheint als das Aushalten.

Das funktioniert. Das ist das Problem. Es funktioniert so gut, dass die Umwelt positiv reagiert, was das Muster verstärkt. Die Person gilt als angenehm, unkompliziert, teamfähig. Und das Nervensystem lernt: Siehst du? So bleibst du sicher.

Der Preis ist enorm. Diese ständige Maskierung, diese permanente emotionale Arbeit, verbraucht Ressourcen, die dann woanders fehlen. Und wer sein ganzes Leben damit beschäftigt ist, herauszufinden, was andere brauchen, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst. Viele Betroffene wissen spätestens mit Mitte dreißig nicht mehr, was ihre eigenen Wünsche, Ziele und Grenzen sind. Sie haben sie so lange nicht gehört, dass sie kaum noch hörbar sind.

Oft baut sich darunter still eine riesige Wut auf. Auf alle, denen man sich angepasst hat. Auf sich selbst, weil man es zugelassen hat. Und auf eine Welt, die dieses Verhalten als Tugend bezeichnet.

Der Perfektionist: Wenn Leistung zum Schutzschild wird

Eine verwandte, aber etwas andere Strategie ist der Perfektionismus. Die Logik dahinter ist brutal einfach: Wenn ich keine Fehler mache, gibt es keine Angriffsfläche. Dann kann mich niemand kritisieren.

Diese Strategie ist besonders häufig bei Frauen mit ADHS zu beobachten, und sie funktioniert beruflich oft sehr gut. Die Perfektionistin mit RSD ist die Erste im Büro und die Letzte, die geht. Sie bereitet Meetings dreimal vor, schreibt E-Mails fünfmal um, übernimmt freiwillig mehr, als realistisch ist, weil „nein“ sich anfühlt wie eine Einladung zur Kritik.

Von außen wirkt das nach Ehrgeiz, nach Engagement, nach jemandem, der einfach sehr gewissenhaft ist. Was von innen antreibt, hat mit Ehrgeiz wenig zu tun.

Und es bringt nie Frieden. Dr. Dodson beschreibt es so: Das heutige Publikum applaudiert nicht für die Leistung von gestern. Man muss ständig neu liefern, ständig neu beweisen. Und ein einziges „Da hätte man das aber anders machen können“ reißt alles ein.

Menschen, die so arbeiten, sind oft nicht schwach, sie sind erschöpft. Es ist kein Antrieb, der Pausen kennt oder sich mit einem guten Ergebnis zufrieden gibt.

Vermeidung: Wenn man lieber gar nicht erst anfängt

Das genaue Gegenteil des Perfektionismus ist die totale Vermeidung. Aus panischer Angst, abgelehnt oder bloßgestellt zu werden, probiert man gar nicht erst etwas Neues aus, außer ein schneller und vollständiger Erfolg ist garantiert.

Betroffene bewerben sich nicht auf Jobs, für die sie qualifiziert wären, weil das Risiko eines „Nein“ zu groß ist. Sie trauen sich nicht, in Meetings Ideen zu äußern, aus Angst, dass jemand den Kopf schüttelt. Sie beginnen Projekte nicht, weil das Scheitern schlimmer wäre als das Nichtstarten. Die Therapeutin Jessica Summers nennt das „Pre-Failure“: Man scheitert innerlich, bevor man überhaupt begonnen hat.

Das Tragische daran: Menschen, die so leben, sind oft hochintelligent und kreativ. Sie leben weit unter ihren Möglichkeiten. Nicht aus Faulheit oder Mangel an Ambition, sondern weil das Nervensystem jede Möglichkeit eines Scheiterns als zu bedrohlich einstuft, um das Risiko einzugehen.

Was RSD mit Beziehungen macht

Wer RSD hat, weiß, wie es sich anfühlt, nach einer Reaktion im Gesicht des anderen zu suchen. Man liest die Person, man passt sich an, man versucht, zu verhindern. Partnerinnen und Partner beschreiben manchmal das Gefühl, auf Eierschalen zu laufen. Nicht weil die Person mit RSD das will oder fordert. Sondern weil beide wissen, dass ein bestimmter Satz, zu einer bestimmten Zeit, auf eine bestimmte Art gesagt, etwas auslösen kann, das den Abend kippt. Und keiner von beiden versteht immer, warum.

Beide leiden darunter, auf unterschiedliche Weise. Und es führt dazu, dass Menschen mit RSD beginnen, sich selbst die Schuld zu geben: nicht nur für die Reaktion, sondern für die Beziehung an sich. Sie halten sich für zu viel, zu schwierig, zu kompliziert.

Die Psychologin Dr. Jo Perkins weist auf eine besonders tragische Dynamik hin: Menschen mit extremem RSD wählen Partnerinnen und Partner manchmal unbewusst nicht nach echter Verbindung aus, sondern nach empfundener Sicherheit. Sie wählen Sicherheit statt Tiefe, meistens ohne es zu wissen, und es wäre falsch, das als Schwäche zu lesen. Es ist eine der vielen Formen, in denen das Nervensystem versucht, sich selbst zu schützen.

Authentische Nähe erfordert aber das Risiko, gesehen zu werden und trotzdem abgelehnt werden zu können. Für jemanden, dessen Nervensystem Ablehnung irgendwann mit Lebensgefahr gleichgesetzt hat, ist das eine sehr große Zumutung.

Warum gesellschaftliche Strukturen das Problem verschärfen

RSD entsteht nicht im Vakuum. Sie entsteht in einer Welt, die bestimmte Nervensysteme strukturell benachteiligt.

Eine Schule, die Stillsitzen als Kompetenz bewertet. Ein Arbeitsmarkt, der Fehler bestraft, bevor sie eingeordnet werden. Feedback-Kulturen, die „konstruktive Kritik“ als neutral betrachten, ohne zu verstehen, dass sie für manche Gehirne Kritik, egal wie verpackt, körperlich schmerzhaft ankommt. Soziale Netzwerke, die in Echtzeit anzeigen, wer wen eingeladen hat und wer nicht.

Und dann noch die Zuschreibungen, die Menschen mit RSD regelmäßig hören: zu sensibel, zu empfindlich, zu emotional, zu dramatisch. Diese Worte klingen nach Beschreibung, sind aber eigentlich eine Bewertung: Was du erlebst, ist zu viel. Dein inneres Erleben ist übertrieben. Das Maß ist das Maß des Durchschnittsnervensystems.

Was dabei verloren geht, ist oft schwerer zu heilen als die RSD selbst: das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Was hilft, und was wir realistisch erwarten dürfen

Ich möchte hier ehrlich sein: Es gibt keine Strategie, die RSD wegmacht. Kein Atemübungsset, das einen blitzschnellen neurologischen Prozess aufhält. Kein Reframing, das in dem Moment greift, wo der präfrontale Kortex bereits offline ist.

Was es gibt, ist ein mehrschichtiger Ansatz. Und der fängt nicht mit Strategien an, sondern mit Verständnis.

Im akuten Moment geht es um Schadensbegrenzung. Das Wichtigste ist meist, noch nichts zu tun, nicht zu antworten, nicht zu schicken, was gerade getippt wurde. Der Körper braucht in diesem Moment eine Intervention, die vor dem Denken ansetzt: eiskaltes Wasser ins Gesicht, intensive Bewegung, langes Ausatmen. Das klingt banal, aber es ist Physiologie. Das parasympathische Nervensystem kann über diese Wege angesprochen werden, und das verändert den Zustand.

Mittel- bis langfristig geht es darum, das Nervensystem insgesamt stabiler zu machen. Schlaf, weil Schlafmangel jede Form von emotionaler Regulation untergräbt. Blutzuckerstabilität, weil Hunger das emotionale System direkt destabilisiert. Bewegung, weil sie auf natürlichem Weg Dopamin freisetzt und aufgestaute Stresshormone abbaut. Das klingt wie Selbstfürsorge-Standardprogramm, und das ist es auch. Aber für ein hypersensibles Nervensystem sind diese Dinge keine Empfehlung, sondern Voraussetzung.

Medikamentös ist es wichtig zu wissen, dass klassische ADHS-Stimulanzien auf RSD oft nur teilweise wirken. Alpha-2-Agonisten wie Guanfacin oder Clonidin, ursprünglich als Blutdrucksenker entwickelt, wirken bei einem Teil der Betroffenen wie eine Art emotionale Rüstung. Auslöser werden noch wahrgenommen, prallen aber ab, anstatt eine Wunde aufzureißen. Das braucht psychiatrische Begleitung und funktioniert nicht für alle. Aber die Möglichkeit zu kennen, kann entscheidend sein.

Therapeutisch geht es nicht darum, RSD wegzudenken. Es geht darum, die Geschichte zu verstehen, die ins Nervensystem geschrieben wurde. Traumafokussierte Ansätze wie EMDR können helfen, alte emotionale Wunden zu verarbeiten, die 20.000 Kommentare, die damals gesammelt wurden und heute noch antworten. IFS (Internal Family Systems) kann dabei helfen, die inneren Anteile kennen zu lernen, die auf Kritik reagieren. Nicht um sie zu bekämpfen, sondern um zu verstehen, was sie damals gebraucht haben und heute noch zu schützen versuchen.

Und dann ist da noch etwas, das schwerer zu fassen ist, aber vielleicht das Wichtigste: ein Umfeld zu finden, in dem man sich nicht verstellen muss. Menschen, bei denen RSD kein Geheimnis ist, das man verwaltet, sondern etwas, das man benennen kann, ohne dafür bewertet zu werden. Das signalisiert dem Nervensystem etwas, das kein Medikament und keine Atemübung ersetzen kann: Du bist hier sicher.

Was wir uns selbst schulden

Wenn ich mit Menschen arbeite, die RSD haben, erlebe ich sehr häufig diesen einen Moment: den Moment, in dem sie verstehen, dass ihre Reaktionen eine Erklärung haben. Nicht eine Entschuldigung für das, was war, sondern eine Erklärung, und das ist etwas grundlegend anderes.

Das verändert etwas in der Beziehung zur eigenen Geschichte. Man war nicht hysterisch, nicht zu viel, nicht falsch verdrahtet. Man hatte ein Nervensystem, das auf eine bestimmte Weise reagiert, und man hat lange in einer Welt gelebt, die dafür keine Sprache und kein Verständnis hatte.

Was Menschen mit RSD sich selbst schulden, ist nicht ein noch besseres Bewältigungsrepertoire. Es ist etwas viel Schwierigeres: Mitgefühl mit sich selbst. Die Bereitschaft, im Moment nach dem Ausbruch nicht noch einmal zuzuschlagen, auf sich selbst. Zu sagen: Das war schwer. Ich habe gerade reagiert wie jemand, der lernt, anders zu reagieren. Das reicht für heute.

RSD ist nicht heilbar im Sinne von „danach hat man sie nicht mehr“. Aber sie ist verstehbar, und mit dem Verstehen lässt sich beginnen. Langsam, nicht linear, nicht ohne Rückschritte, aber es lässt sich beginnen.

Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst oder jemanden kennst, auf den das zutreffen könnte: Es lohnt sich, Unterstützung bei einer Fachperson zu suchen, die Neurodiversität wirklich versteht. Und manchmal reicht es, mit jemandem zu sprechen, der weiß, wovon man spricht.

Liz Matisovits

Liz Matisovits

Magistra der Psychologie, Lebens- und Sozialberaterin, Coach für Neue Autorität und spät diagnostizierte AuDHS-Frau. Ich schreibe über das, was ich wirklich weiß — aus Theorie und gelebtem Chaos.

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